Was ist WingTsun
Wing Tsun (WT) ist waffenlose Selbstverteidigung in wirksamster und konsequentester Form.

Sich wirklich selbst verteidigen können, heißt in jeder Angriffssituation die (vorübergehende) Handlungsunfähigkeit des Gegners bewirken zu können, da von diesem keine Mäßigung oder Einsicht erwartet werden kann.

Körperkraft oder artistisches Geschick dürfen hierbei keine entscheidende Rolle spielen. Gerade Nicht-Atlethen und das sogenannte „schwache Geschlecht“, sind auch im Alltag unserer „Hochzivilisation“ körperlichen Übergriffen und Bedrohungen besonders ausgesetzt. Jeder Mensch, der keine gravierenden körperlichen Handicaps hat, kann sich durch regelmäßiges WT-Training seine natürlichen körperlichen Anlagen und sein Gefühl für instinktive Reaktion wieder aneignen.

Das heißt nicht, daß eine adrenalinstrotzende Kriegerkaste mit paranoiden Verhaltensauffälligkeiten herangezüchtet werden soll. Vielmehr führt das neu erarbeitete Selbstbewußtsein und das körperliche Bei-sich-sein bei WT-Schülerinnen und -Schülern schon nach einiger Zeit des intensiven Trainings zu einer entspannten Gelassenheit.

Jede Situation, in der es gilt, sich gegen einen körperlichen Angriff zu verteidigen, ist ein Kampf.
Wing Tsun ist Kampfkunst, das souveräne Können, in jedem Fall den eigenen Körper für einen Angreifer, ungenießbar“ zu machen.
Wenn Weggehen nicht mehr möglich ist und Imponiergehabe nicht zum eigenen zivilen Gestus gehört, hilft nur noch die Fähigkeit, dem Angreifer entschlossen entgegenzutreten und das weitere Geschehen sicher in der Hand zu halten.
Fortgeschrittene WT-Schülerinnen und -Schüler werden in Sekundenbruchteilen zum Alptraum jedes Angreifers - statt zurückzuweichen „kleben“ sie ohne Zögern am Gegner, lassen ihn durch gleichzeitige Attacken auf verschiedenen Angriffsebenen weder Zeit noch Raum, seinen Angriff zu organisieren und drängen ihn so in hilflose Abwehr.

Hierbei lehrt Wing Tsun, die Kraft des Angreifers zu nutzen und gegen ihn selbst zu richten.

WT-Schülerinnen und -Schüler können durch intensives Training lernen, die Angriffsenergie durch kontrolliertes Nachgeben zu „borgen“. Die angegriffenen Körperteile werden so „aufgeladen“ und geben, fast ohne eigenes Zutun, die Kraft des Gegners unverbraucht zurück.

Das Gefühl für den richtigen Augenblick des Nachgebens, Reagierens und auch des entschlossenen Angreifens ist eigentlich der zentrale Inhalt des WT-Trainings auf dem Weg zu einer umfassenden Selbstsicherheit.

Sich in Kraft und Geschicklichkeit zu messen, hat also mit Selbstverteidigung zunächst nicht viel zu tun. Dennoch bietet Wing Tsun selbst für erfahrene Budokas genügend Überraschungen und Bereicherungen ihres Kampfstils - auch im sportlichen Wettstreit.

WT ist ein komplettes Selbstverteidigungssystem. Es beinhaltet alle Kampfdistanzen, also die weite Distanz, in der Fußtechniken zum Einsatz kommen, die Mittlere, in der mit Handtechniken gegeneinander gekämpft wird, die Nahdistanz, in der Ellenbogen- und Knietechniken zum Einsatz kommen, ebenso Würfe und Konterwürfe, Antihebeltechniken und schließlich auch den Bodenkampf. Zum Ausbildungsprogramm gehören auch Techniken gegen mehrere Angreifer, Möglichkeiten gegen Waffen und zuguterletzt auch Techniken, mit denen ein Angreifer „sanft“, das heißt ohne ihn zu verletzen, überwältigt werden kann.

WT schafft Selbstbewußtsein.

Durch die Auseinandersetzung mit möglichen Bedrohungs- und Angriffssituationen und der Erfahrung, wie man diesen gelassen entgegentritt und sie löst, entwickelt sich im Laufe der Zeit ein gesteigertes Selbstbewußtsein, welches sein Fundament in tatsächlichem Können hat.

Dieses Selbstbewußtsein strahlt nach außen, das Auftreten wird sicherer und sich anbahnende Konflikte können eventuell verbal gelöst werden, denn der potentielle Angreifer wird sich lieber ein unsicheres Opfer aussuchen. Im Allgemeinen kann man sagen, daß WT eine Maßnahme zur Gewaltprävention darstellt. Durch eine bestimmte Trainingsform, das sogenannte Chi-Sau (klebende Arme), wird die Fähigkeit entwickelt, im Nahkampf die Lücken des Gegners in Bruchteilen von Sekunden aufzuspüren und auszunutzen. Hierbei ist es nicht notwendig, die Kraft des Gegners entgegen seiner eigenen zu nutzen, indem man irgendwie gegen die Kraft angeht, sondern im Gegenteil, man borgt die Kraft des Gegners nach einigen, absolut praktikablen Prinzipien des Wing Tsuns. Sind die Arme durch Chi-Sau sensibilisiert (später geschieht gleiches mit den Beinen), fühlt der Anwender im Nahkampf, wie der Gegner angreift und kann die Kraft des Gegners ausnutzen und gegen ihn verwenden, ohne mit den Augen geleitet zu werden.

Wing Tsun basiert auf der intelligenten Umsetzung von nur vier elementaren Prinzipien:

1. Ist der Weg frei, stoße vor.

Im Wing Tsun weicht man nicht zurück,
sondern geht dem Angreifer entschlossen
entgegen.
2. Hast du Kontakt mit dem Angreifer, bleibe kleben.

Im Wing Tsun gibt man den Kontakt mit den Armen und Beinen des Gegners, einmal hergestellt, nicht mehr auf.

3. Wird der Angreifer stärker als du, gib nach.

Im Wing Tsun arbeitet man nicht gegen die Kraft des Angreifers an, sondern man nimmt sie auf und verwendet sie gegen ihn.

4. Weicht der Angreifer zurück, folge ihm.

Im Wing Tsun bleibt man wie „eine Klette“ am Gegner kleben und nimmt ihm dadurch die Chance, neue Angriffe zu koordinieren.

Durch die reflexartige Umsetzung dieser Prinzipien spielt das Kräfteverhältnis zwischen Angreifer und Verteidiger im Wing Tsun keine Rolle mehr. Im Gegenteil: Je stärker der Angreifer attackiert, desto leichter ist er mit Wing Tsun zu besiegen.