Philosophie des WingTsun
Für WingTsun sind drei philosophische Stilrichtungen von großer Bedeutung.


Es sind der Buddhismus,

der Taoismus und

zuletzt der Konfuzianismus

Beim Buddhismus unterscheidet man zwei ursprüngliche Hauptbereiche.

Zum einen den Mahayana-Buddhismus, oder auch nördlichen Buddhismus. Zum anderen den Hinayana oder Theravada-Buddhismus, der auch als südlicher Buddhismus bekannt ist.
Diese beiden buddhistischen Stilformen unterscheiden sich nicht nur räumlich sondern auch inhaltlich sehr deutlich. Beide Stilformen kennen keinen allmächtigen Schöpfergott. Ganz im Gegenteil. Der Buddhist strebt die Buddhaschaft, d.h. Erleuchtung, an, was im Katholizismus als Blasphemie beschrien wäre.
Währenddessen im Mahayana-Buddhismus großen Wert auf Meditation und Abgeschiedenheit gelegt wird, praktizieren die Anhänger des Hinayana-Buddhismus Aufgeschlossenheit und Menschennähe.
Im Buddhismus herrscht der Glaube an die Reinkarnation (Wiedergeburt), durch die man irgendwann die Buddhaschaft erlangen kann.

Die Hinayana-Anhänger glauben an die Möglichkeit eines jeden Menschen zu Lebzeiten dieses Ziel erreichen zu können. Die Mahayana-Anhänger bilden eine eher elitäre Geschlossenheit, die durch Askese und Meditation dieses Ziel erreichen wollen. Für die chinesische Kampfkunst ist vor allem der nördliche Mahayana-Buddhismus von unmittelbarer Bedeutung. Aus ihm resultierte der Ch’an-Buddhismus, der den meisten als Zen-Buddhismus geläufig ist. Dieser Einfluß auf Kung Fu ist vielerorts spürbar. Die alte Schule der Shaolin hat allerdings nicht mehr all zu viel mit der Schule des Wing Tsun gemein.

Der Buddhismus soll dem Schüler zwar die richtige Einstellung zum Trainieren und zuletzt zum Kampf geben, doch er ist fern ab von Körperabhärtungstraining und stumpfen Nachahmen einer Bewegung. Letztendlich kann man sagen, daß Buddhismus im Wing Tsun den sogenannten „roten Faden“ bildet, der jeden Schüler zu engagiertem und selbstdiszipliniertem Handeln auffordert.

Die zweite wichtige philosophische Richtung die Kung Fu beeinflußt ist der Taoismus.

Der Ursprung des Taoismus liegt etwa 300 Jahre vor Christus.Der chinesische Weise Lao-Tse benutzte in seiner Gedichtsammlung ( Tao Te King ) den Begriff Tao ( Weg ) zum ersten Mal. Nicht um theoretische Erwägungen geht es, sondern um einen Lebensweg, den man wirklich gehen muß, um ihn zu erfahren. Im Einklang mit den Gesetzen der Natur soll der Mensch leben und sich als ein Teil des Ganzen verstehen.

Im Taoismus soll man nach dem Prinzip des Wu Wei den Dingen begegnen.
Zielstrebigkeit ist erforderlich, Engstirnigkeit dagegen des Menschen Feind. Im Taoismus begegnet man nicht Kraft mit Gegenkraft sondern versucht die aufkommende Energie sich zu eigen zu machen indem man klug nachgibt um die gegnerische Kraft gegen ihn selbst zu richten.

Im WT geht es gerade darum. Der Schüler soll lernen, die gegnerische Kraft durch Nachgeben, Aufnehmen und weiterleiten zu nutzen und gegen den Angreifer zu richten.
Der Taoismus repräsentiert am deutlichsten die Patenschaft zum Leung Ting Wing Tsun.Der Taoismus gibt seinem Anhänger Ratschläge für das tägliche Leben und lehrt ihn, wie man seine Lebensenergien freimacht und störungsfrei zirkulieren läßt, wie man seine Ziele gegenüber Störungsversuchen von Außen erfolgreich erreicht, wie man seine körperlichen und geistigen Kräfte gesund erhält und stärkt.


Die dritte und somit letzte philosophische Stütze des Leung Ting WingTsun ist der Konfuzianismus. Das Ideal des Konfuzianismus ist nicht der weltverachtende Asket, sondern der in allem Maße bewahrende Weise, der die Menschen kennt und respektiert.

Der Konfuzianist zeichnet sich durch Verantwortungsgefühl und Ehrlichkeit gegenüber seinen Mitmenschen, sowie Selbstdisziplin aus. Er lebt nach einem strengen Kodex bei dem der Mensch immer im Mittelpunkt steht. Die Stärkung und Erhaltung des eigenen Charakters spielt beim Konfuzianist eine große Rolle. Ebenso großen Wert legt der Konfuzianist darauf, daß der Jüngere, Untergebene, dem Älteren, Vorgesetzten, Respekt und Achtung entgegenbringt. Dieses beruht auf Gegenseitigkeit.
Da Wing Tsun traditionell ein chinesisches Familiensystem ist, bei dem die Kinder von den Eltern lernen, spiegelt sich das Miteinander am besten im Konfuzianismus wider.

Letztendlich kann man sagen, daß jede der drei Philosophien ihren Platz im WingTsun einnehmen, jede auf ihre interdisziplinäre Art und Weise. Allerdings sollte der Westeuropäer behutsam mit den Aussagen der jeweiligen Philosophien umgehen, da auch wir eine eigene Sozialisation vorweisen können, die sich erheblich von der unserer indirekten Nachbarn unterscheidet. Vieles was für den Asiaten natürlich und rechtens erscheint, ist für uns nicht nachvollziehbar.

Wir sollten versuchen, das enorme Wissen jahrtausende alter Überlieferung teilweise zu verstehen und uns einige Lebensweisheiten zu nutze machen.

Es steckt viel Wahres und Weises in den zuvor dargestellten Philosophien.